Meine Geschichte mit dem Tod

Als ich zehn Jahre alt war, meine kleine Welt befand sich noch in bester Ordnung, starb meine
Ur-Oma Emma. Ob es plötzlich geschehen ist, weiß ich nicht mehr.
Ich erinnere mich aber an die blasse, gelbliche Oma, die in einem hellen Holzsarg lag.
Noch heute könnte ich es aufmalen. Sie sah friedlich aus, eigentlich wie immer.
Der Sarg stand auf einem Rollwagen, ich konnte nicht richtig hineinsehen, nur aus etwas Entfernung erkannte ich ihr Gesicht.
Es roch nach Nelken, es war kühl und alle Leute tuschelten nur miteinander.
Neugierig spitzte ich hinter mich. Dort waren Glasscheiben mit rotem Samt verhängt.
Liegen da noch mehr Verstorbene? Genauso still und gelblich?
Die eigentliche Trauerfeier bekam ich nicht mit.
Zu sehr beschäftigte mich der Anblick, zu sehr hallte das laut schlagende Geräusch nach, als die Schrauben am Sarg geschlosssen wurden.
Dann der Gedanke, wieso man einen Sarg so fest verschließen muss, wo doch ein Verstorbener darin liegt, der doch wohl nicht wieder heraus will. Und wenn er das wollte, wieso dürfte er das nicht?
Nachts traute ich mich keinen Fuss aus dem Bett zu hängen, da ich Oma Emma darunter vermutete.
Am nächsten Tag schien wieder die Sonne.
Ich war Zehn und Oma war weg und so recht störte es mich nicht. Irgendwo wird sie schon sein.


Dreizehn Jahre später legte sich mein Partner mit seiner neuen Kawasaki in eine Rechtskurve, rutschte auf Split ab und schlidderte über die Fahrbahn.
Bevor er die Wiese erreichte, traf ihn der Kotflügel eines entgegenkommenden Autos am Kopf.
Alles Aufgebot half nichts. Der Hubschrauber, der Rettungsarzt und der Rettungswagen überließen dem Bestatter nach einiger Zeit die Unfallstelle. Die beiden Männer hoben ihn in den Sarg, die aufgeschnittene Kleidung baumelte an ihm herunter.
Später würde mir seine Mutter erzählen, dass sein Gesicht ganz blau war, als man ihn aufgebahrt hatte.
Damals traute ich mich nicht in die Leichenhalle und bereue es bis heute.
Die magischen Tage
Dieser Leidensweg war ein langer, beschwerlicher.
Lehrte mich viel und zerstörte mich um ein Haar.
Daher hat diese Geschichte einen eigenen Platz verdient.

Kurz darauf starb ein guter, langjähriger Freund überraschend an Diabetes.
Kaum davon erholt musste meine Tante, die seit meinen Kindertagen eine wichtige Bezugsperson für mich war, in ein Pflegeheim umziehen. Ich war sehr traurig, besonders weil sie so traurig war.
Eines Abends rief mich meine Oma an, um mir mitzuteilen, dass es mit meiner Tante nun wohl zu ende ging. Schnell fügte sie hinzu, der Hausarzt meinte aber, sie wäre kein schöner Anblick mehr und wir sollten uns das ersparen.
Trotz der Meinung des Arztes, beeilte ich mich zu ihr zu kommen.
Sie war nicht mehr ansprechbar. Sie rang nach Luft. Ich setze mich zu ihr, wischte ab und an den Speichel aus ihren Mundwinkeln.
Leise sang ich der ehemals rheinischen Frohnatur alle Lieder vor, die ich als bekennender Faschingsmuffel auswendig konnte.
Ich nahm ihre Hand und drücke sie. „Geh nach Hause, hab keine Angst“
Kurz darauf war das rasselnde Atmen nicht mehr zu hören.

Mein Berliner- Opa starb im August 1989 mit 97 Jahren.
Fast hätte er noch seine UrUr-Enkelin kennengelernt, nur einen Monat hätte er noch leben müssen.
Das war mein Super-Opa. Er machte so tolle Sachen mit mir, als ich noch klein war.
Er trug immer Fliege und Hosenträger und wohnte in Berlin Zehlendorf.


Ab 2001 begann meine engste Familie zu sterben.
Den Anfang machte meine Oma, bei der ich aufgewachsen war.
Meine Großeltern brauchten schon lange Hilfe. Ich, alleinerziehend, ging arbeiten, betreute die Kinder, betreute den Haushalt und den Garten meiner Großeltern und pflegte sie, auch nachts.
Als es sich mit Oma verschlechterte und sie für sich selbst zu einer Gefahr wurde, entschlossen wir schweren Herzens sie in ein Pflegeheim zu geben.
Nach nicht einmal vierundzwanzig Stunden verstarb sie.
Sie fiel einfach morgens vom Stuhl.

Opa folgte nach einer Weile.
Meine Tante wohnte bei ihm, kümmerte sich. Als sie nun aber selbst ein multiples Oranganversagen erlitt und vortan nur noch zwischen Intensivstation und Krankenzimmer wechselte, musste auch Opa in ein Heim.
Er war kriegsversehrt, litt sein Leben lang an schlimmen Schmerzen und durfte zuletzt still und friedlich einschlafen.
Wir waren zu dem Zeitpunkt im Urlaub und ich begegnete ihm erst wieder, als ich seine Urne fest an mich drückte.


Kaum war Opa unter der Erde, klingelte morgens die Haushaltshilfe von meiner Tante an unserer Tür.
Sie würde nicht aufmachen und der Schlüssel stecke von innen, wurde uns mitgeteilt.
Da sie bei der Dialyse erwartet wurde, war relativ schnell die Polizei vorort.
Ein Feuerwehrmann öffnete die Tür und fand meine Tante friedlich in ihrem Bett.
Meine Tante war im Schlaf verstorben.

Es ging derart ineinander über, dass ich nicht mal mehr zum Trauern kam.
Pflege, Besuche, Beerdigung, Wohnung ausräumen und danach wieder von vorn.
Der Bestatter erklärte mir, man müsse nun zur Feuerbestattung übergehen oder eben noch ein Grab anmieten. Das Familiengrab sei mit den zwei Erdbestattungen natürlich belegt, aber
für Urnen wäre noch Platz.
In dieser Zeit fühlte ich mich wie ein Roboter.
Zermalmt zwischen Papieren, Ämtern, Bestatter und Blumenhändlern und natürlich den nicht enden wollenden Anrufen von überall her.
Ich sortierte Karten von Menschen, die ich noch nie zu Gesicht bekam.
Veranstaltete einen Flohmarkt, schlug mich mit Vermietern und Versicherungen herum.
Hier und da mal ein Besuch auf der Intensivstation und der Gedanke,
es geht gleich wieder von vorne los.

Die sorgsam ausgewählte Patin meines Sohnes, sie hatte einen Bauernhof, also ein Paradies für meine Kinder, starb plötzlich, ohne Vorzeichen mit 48 Jahren.
Ich fühlte mich, als hätte ich mich im Mantel des Sensenmannes verfangen und kam mir auch noch viel zu jung vor, um ohne die Unterstützung der Familie zu leben.
2004 war der Spuk erstmal vorbei.

Meine leiblichen Eltern verstarben, ohne dass ich es mitbekam.
Obwohl sie mich zur Adoption freigaben, hätte ich mich gern in irgendeiner Form verabschiedet.
So erreichte mich nur ein Schreiben von einem oberfränkischen Anwalt, der Heimkosten erstattet haben wollte und die Nachricht vom Tod meiner Mutter erfuhr ich über einige Ecken.

Nun war Zeit. Nun konnte ich sie vermissen. Trauer nachholen.
Die Beerdigungen waren vorbei. Haus und Wohnung aufgelöst.
Ich hätte mehr Muße gebraucht, Besinnung.
Aber es war vorbei.
Die Chance den letzten Weg, den Abschied zu gestalten und zu begleiten, war vertan.
Heute hätte ich so vieles anders gemacht, die magischen Tage hätte ich ganz anders genutzt.

Dann schlug das Schicksal nochmals zu. Mein zwar geschiedener Mann, aber doch der Vater meiner Kinder, verstarb mit 49 Jahren.


So dringend hätte ich in dieser Zeit jemanden gebraucht.
Und darum schreibe ich nun.
Ich betreue Sterbende und Trauernde und habe es mir zum Herzensanliegen gemacht, beizustehen.
Fragen möglichst zu beantworten, zuzuhören, in den Arm zu nehmen, zu beraten und zu helfen, wo es geht.

©heike arndt


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