Die magischen Tage

Zwischen dem physischen Tod und der Beerdigung vergehen unterschiedlich viele Tage.
Das hat verschiedene Gründe. Eine Überführung vom Urlaubsort, Anreise von Verwandten, Wochenende oder eine Obduktion zum Beispiel.
Diese Zeit nenne ich die magischen Tage, die Zeit, in der der/die Verstorbene noch „in unserer Welt“ ist.

Während der Schock noch lähmt, Freunde und Verwandte eintreffen, telefoniert und organisiert wird, wartet der geliebte Mensch auf Zuwendung.
Er/Sie ist nicht nur aus dem Leben gerissen, sondern auch aus der Beziehung, aus der Familie und seinem/ihrem Zuhause.
Wollen Sie die wenigen Momente verschenken?
Es ist die unwiderbringlich letzte Chance.
Nur Mut, es wird Ihnen helfen.

Sie können das Gesicht studieren. Wo genau waren noch diese fröhlichen Lachfältchen?
Sie können berühren, be-greifen?
Sie können eine Locke zurecht zupfen.
Findige Bestatter lassen einen Zipfel der Decke oder eine Haarlocke unperfekt, um den Griff zum Verstorbenen zu erleichtern. Sollte Ihnen das auffallen, schimpfen Sie nicht.
Ihr Bestatter hat Ihnen eine Brücke gebaut.
Sie können eine Lieblingsblume in die Hände Ihres Verstorbenen legen.
Einen Abschiedsbrief, sogar Geschenke und Andenken.
Sie können sich erinnern und weinen. Können sagen, was es noch zu sagen gibt.
Sie können noch einmal mit dem geliebten Menschen beisammen sein.
Für eine kleine Weile.

Es kostet Überwindung, keine Frage.
Es schmerzt unendlich.
Nichts kann man sich mehr vormachen.
Hier wird es real.
Und ohne diese Realität und deren Annahme, geschieht keine Heilung.
Dort beginnt der Weg in die Zukunft, Schritt für Schritt.

Machen Sie sich bewusst, dass es derselbe Mensch ist, den Sie gestern noch besucht haben.
Nur kann dieser Mensch heute seine Persönlichkeit nicht mehr zeigen.
Lassen Sie neben den fremden Händen, die diesen vertrauten Körper versorgen, auch ein paar bekannte, liebende Hände sein.


Die meisten Bestatter sind heute sehr bemüht und auch wunderbar einfühlsam.
Sie können bei der ersten Kontaktaufnahme bereits nach den Möglichkeiten fragen,
die Ihnen zur Verfügung stehen, um Abschied zu nehmen.
Gibt es einen Raum, in dem Sie sich verabschieden können?
Wie lange dürfen Sie bleiben?
Dürfen Sie noch einmal wiederkommen?
Wollen Sie den Verstorbenen in Ihrem Zuhause verabschieden? Ja, das ist möglich.
Wollen Sie helfen, den/die Verstorbene zu versorgen?
Sehen Sie sich ruhig an, wo der/die Verstorbene bis zur Beerdigung bleibt.

Fragen Sie, was immer sie interressiert.
Wenden Sie sich an einen anderen Bestatter, wenn Sie sich nicht verstanden fühlen.
Leider kann ein Bestatter womöglich nicht alle Wünsche erfüllen, aber Ihre Wünsche sollten ernst genommen werden und soweit es möglich ist, umgesetzt werden.
Sicher kann man auch immer einen zufriedenstellenden Kompromiss finden.
Sie sollten sich verstanden und angenommen fühlen.
Bei einer Beerdigung gibt es kein zweites Mal.

Aus eigener Erfahrung und aus tiefstem Herzen kann ich Ihnen nur raten,
überwinden Sie sich!
Wie oft musste ich schon hören, wie sehr man doch bereut, die kurze, einzigartige Zeit nicht mit dem/ der Verstorbenen verbracht zu haben.
Die Fragen quälen oft jahrelang.
Manchmal verfolgt selbst mich noch der eine oder andere Fehler und ich bereue meine Wünsche nicht ausgesprochen zu haben. Oder auch schlicht gekniffen zu haben.
Wie sah er oder sie aus?
Wie wurde gebettet?
Hätte ich den letzten Weg nicht doch begleiten sollen?
So viele Gedanken schwirren im Kopf und die Ungewissheit bleibt.
Manchmal erwachsen daraus handfeste Gewissensbisse.

Bestatter, Trauerbegleiter, Freunde oder Verwandte werden Sie an die Hand nehmen, vorbereiten und begleiten.
Diese von Stunde zu Stunde schwindenende Möglichkeit wird ein wertvoller Beitrag sein, die Trauer zu überwinden.
Dort begegnen sich letzter und erster Schritt.
Sie werden ruhiger werden, Sie werden Gewissheit haben und sich der Situation gewahr.
Haben Sie keine Angst vor der Begegnung.
Verstorbene liegen sehr entspannt und friedlich in ihrem Sarg.
Sie sind etwas kühler, riechen in der Regel nicht unangenehm und fassen sich auch nicht seltsam an. Die Haut und das Gewebe werden nach und nach trockener, daher verändern sie sich von Tag zu Tag.
Ich habe erlebt, dass genau das einen Abschied erlebbar macht. Der Verstorbenen hat die Welt der Toten betreten und Sie können das jeden Tag deutlicher wahrnehmen.
Die Persönlichkeit hat den Körper verlassen, so können sie durch die Wandlung gut begreifen, dass der geliebte Mensch unwiderbringlich gegangen ist.
Selbst bei Unfallopfern besteht die Möglichkeit, den Verstorbenen noch mal nahe zu sein.
Ein befreundeter Bestatter handhabt es sehr einfühlsam.
Es ist z.B. noch die vertraute Hand des Verstorbenen, die noch gehalten werden kann.
Schlimmes wird abgedeckt oder verbunden, denn der Abschied steht an erster Stelle.
Hinterbliebene werden begleitet, aufgeklärt und nicht alleine gelassen.
Gerade bei einem plötzlichen Tod, sollte die Begegnung mit dem Verstorbenen ermöglicht werden, damit Sie realisieren können, dass die gegenwärtige Situation real ist.
Ungewissheit und die damit einhergehenden Fantasiebilder, können zu einer ernsthaften Verschleppung der Trauerbewältigung führen.

Vor einigen Jahren bin ich durch Zufall auf diesen japanischen Film gestoßen.
Er hat mich tief berührt und auch meine Einstellung zum Thema Abschied und letzte Versorgung des/der Verstobenen neu überdenken lassen.
Vorsicht, er geht sehr ans Herz!

Nokan- Die Kunst des Ausklangs

©heike arndt

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