Mein langer Weg zurück-der Verlust meines Partners

Der lange Weg zurück, der Verlust des Lebenspartners

Ja, es war ein langer Weg zurück. Ich war am Boden zerstört, verwirrt und in den Grundfesten erschüttert. Ich war jung, unerfahren, überfahren.
Unvorbereitet und unerwartet bin ich in die größte Katastrophe meines Lebens geraten.
Offen und ehrlich möchte ich meine Erfahrung mit Ihnen teilen.
Aber von vorne;
E. war die große Liebe meiner frühen Erwachsenenzeit. Er war unglaublich fröhlich, zugewandt und talentiert. Er fuhr aus Leidenschaft einen alten Opel, liebte Motorräder und Musik. Er spielte beneidenswert gut Gitarre. Wenn wir uns nicht sahen, spielte und sang er am Telefon. Ein wahrer Barde.
Seine Gegenwart machte mich glücklich, alles fühlte sich leicht an.
Ich genoss seine Fürsorge. Wir schmiedeten Pläne für die Zukunft, viele Kinder wollte er und ein Haus, er träumte von einer großen Familie, in der er eine neue Heimat und eine Aufgabe finden würde.
Bunt malten wir aus, was wir uns erschaffen wollten, mein Kopf lehnte dabei an seiner Schulter.
Meine Freunde liebten ihn, jeder liebte ihn, die Zukunft war zum Greifen nah.

Die Natur erwachte zum Leben, die Sonne schien und E. hatte sich in diesem Frühling ein neues Motorrad gekauft. Es war noch etwas kühl, an diesem Sonntag im April, allerdings schien der Tag schon den Start in ein warmes Frühjahr zu verheißen.
Das neue Motorrad scharrte mit den Füßen und wollte auf die Straße, ich hatte keine Lust, doch E. war so voller Begeisterung, dass ich mich breitschlagen ließ.
Na gut, dann sollte es so sein.
Am späten Nachmittag, kurz nach einer Kaffeepause, fuhr E. in eine langezogene Rechtskurve ein. Langsam, denn er konnte den Verlauf der Straße nicht einsehen.
Dann ein kratzendes Geräusch, das Motorrad konnte sich auf dem Rollsplitt nicht mehr halten.
E. rutsche quer über die Fahrbahn, zum Glück war dort eine Wiese ohne Graben.
Alles nicht so schlimm.
Das Motorrad hatte schon die Wiese erreicht, als ein Auto entgegenkam und gerade noch so, es war herzzerreißend knapp, mit dem Kotflügel gegen E.s Stirn prallte.
In dieser kühlen Wiese, deren Feuchtigkeit im beginnenden Sonnenuntergang glitzerte, endete E.s Leben. Unsere Träume, Pläne, unsere Zukunft, alles zerstob zu einem Versprechen, das niemals erfüllt werden würde.

In den ersten Stunden dominierte der Schock, unwirklich und betäubt versuchte ich weiterzuatmen. Sein, einfach sein, nicht verrückt werden. Das kann alles nicht sein.
Das darf nicht sein. Wie kann jemand tot sein, der vor Momenten noch lebte?
Ein Freund holte mich ab.
Zeit und Raum krümmten sich, ich fand keinen Halt.
Weinkrämpfe, Erschöpfung und Schlaflosigkeit. Unwillen und Ungläubigkeit.
Nichts schien mehr wie ich es kannte. Ich aß ein paar Bissen und erbrach es.
Mein Körper rebellierte, schmerzte und war gleichzeitig taub.
Bis zur Beerdigung hörte ich Tag und Nacht unsere Songs und versuchte das Geschehene zu realisieren. Ich wählte seine Nummer, er ging nicht ran und ich wählte wieder.
Ich hielt mich daran fest, dass er noch hier ist, nicht beerdigt, er hatte doch noch die Chance wiederzukommen. Er war noch nicht tot, er war doch noch in unserer Welt.
Abends kam immer einer meiner Freunde vorbei, um die Nacht bei mir zu verbringen.
Sie sorgten sich. Ja, ich hatte Sehnsucht nach dem Tod. Ich wollte wieder bei ihm sein.
Erleben, was er erlebt hatte. Den unbegreiflichen Tod erfahren. Wie fühlt es sich an?
Wo ist er? Gibt es ein Wiedersehen? Wie geht es ihm?

Ein Freund hielt mich im Arm, als sie den Sarg zum Grab geleiteten.
Ich hatte seit Tagen nichts gegessen.
Heute kann ich mich nicht mal mehr an den Blumenschmuck erinnern.
Seine Familie hatte sich für einen schwarzen Anzug entschieden, mir kam das nicht stimmig vor.
E. trug Anzüge nur, wenn es angemessen war.
Jeans und T-Shirt vielleicht. Ich denke, er hätte seinen Motorradkombi gewählt, aber der war aufgeschnitten. Befremdlich, alles befremdlich.
Ich vermute, dies war einer meiner Gedanken, als ich beobachtete, wie der Sarg im Grab verschwand.
Womöglich habe ich auch nichts gedacht. E. und der Sarg, in meinem Bewusstsein konnte ich es nicht verbinden. Den Leichenschmaus ließ ich aus, ich wollte allein sein.
Ich wollte für immer allein sein. Oder am Besten einfach nicht mehr da sein.
Hauptsache dieser Zustand hörte auf, diese Desorientierung, dieses unwirkliche Gefühl.


Ich haderte nicht mit dem Schicksal, ich wurde nicht zonig. Dem Autofahrer konnte ich nicht grämen, er brachte den Tod, ohne etwas vorsätzlich falsch gemacht zu haben.
Wie ging es ihm wohl damit?
Auch E. grämte ich nicht. Er war ein sicherer Fahrer, ging keine Risiken ein.
Er frönte seinem Hobby, was sollte daran verwerflich sein.
Eins wusste ich sicher, er wollte nicht sterben und mich alleine zurücklassen.
Ich vermisste ihn und entwickelte eine quälende Angst vor dem Tod. Ich litt an Alpträumen. Manchmal hatte ich schlicht Panik.
Meine Fantasie ging mit mir durch und schlimmste Vorstellungen des Totseins trieben mich um.
Er war gefangen unter der Erde, in dem engen Sarg. Wie ging es ihm da?
Ich las einige Artikel über den Tod und die Verwesungsvorgänge. Versuchte zu verstehen.
Versuchte irgendetwas zu verstehen. Was passierte jetzt mit ihm?
Nach ein paar Tagen, nach einer Woche, nach Monaten.

Nach einer Weile ließ man mich allein. Das ist so, wenn man trauert.
Erst sind alle da und nach ein paar Wochen sind alle weg.
Mit Blumen fuhr ich zum Grab und an die Unfallstelle, auf der Suche nach etwas Gebliebenem von ihm.
Irgendwo müsste ein bisschen Seele sein? Ein kleines Bisschen seines Bewusstseins?
Blieb denn nichts übrig, mit dem ich Verbindung aufnehmen könnte?
Doch E. war nirgends. Nicht auf dem Friedhof, nicht auf der Straße.
Wenn es mir besonders schlecht ging, wenn die Gedanken nicht still stehen wollten, dann hatte ich eine Flasche Whisky neben dem Bett. Manchmal wachte ich auf, griff zur Flasche neben dem Bett und tankte nach.
Ich wollte nichts mehr spüren, nicht mehr aufwachen.
Die Tage und Nächte waren voller Schmerz.

Meine „Hätte“-Phase begann mit Wucht.
An diesem Tag wollte ich nicht Motorrad fahren, viel lieber mit ihm einen gemütlichen Sonntag verbringen. Der Gedanke schien sich wie ein Ertrinkender an mich zu klammern.
Hätte ich mich doch durchgesetzt?
Hätte ich ihn retten können?
Wer, außer mir, hätte ihn retten können?
Mein Rückblick Fehler. Natürlich hätte ich nichts machen können, hatte nichts unterlassen, woher sollte ich auch wissen, was uns bevorsteht. Danach bildet man sich immer ein, man hätte die Bedrohung doch spüren müssen.
Hinterher ist man immer schlauer, aber vorher lebt man einfach nur sein Leben, ahnt nichts und muss es auch nicht. Ich marterte mich, doch nach einer Weile wurden diese Gedanken abgelöst.
Nun schwor ich E. ewige Treue. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, ihn zu mir zurückzuholen.
Klappspaten und ich wäre bei ihm. Vielleicht einfach nur einen Moment an ihn kuscheln.
Auf welch seltsame Gedanken ich doch kam.
Die Sehnsucht zerfraß mich. Ich war nicht bereit, ihn gehen zu lassen.
Ich bin seine Freundin, ob er nun tot ist oder nicht.

Die Treffen mit seiner Familie wurden weniger, es rieb die langsam heilenden Wunden auf.
Langsam, sehr langsam tauchte ich auf, vorsichtig, ja, die Welt war noch da.
Ein Lächeln, ein Mann. Aber ich bin in einer Beziehung.
So weit bin ich noch nicht.

Ich konnte mich nicht mehr an seine Stimme erinnern.
Ich wollte schreien, gegen das Schicksal rebellieren. Doch ich blieb stumm.
Vehement wehrte ich mich gegen das Vergessen, klammerte mich an jede noch so kleine Erinnerung.
Millimeter für Millimeter kämpfe ich mich aus dem Sumpf.
Zaghaft versuche ich am Leben teilzunehmen. Den Anblick von Paaren ertrug ich nicht.
Ich fühlte zu niemandem mehr eine Zugehörigkeit. Obwohl ich meinen Freundeskreis seit Jahren kannte, fühlte ich mich fremd
Ein krankhaftes Geschwür am Tisch, eine um ihr Glück amputierte Frau.
Arbeiten fiel mir schwer, ein paar Tage vor seinem Tod hatte E. mich noch auf der Arbeit besucht.
Ich sah ihn dort noch sitzen, dort wo nun Lebende Kaffee tranken.
Es war so ungerecht, so sinnlos, so gemein.
Ich liebte ihn. Ich liebte ihn. Ich liebte ihn.
Ich wollte keinen andern, ich wollte ihn.

Ich kämpfe weiter Richtung Oberfläche, aber das ist schwer, wenn man Beton an den Füssen hat.
Meine Freunde wurden wieder aktiv. E. ist nun schon eine längere Zeit nicht mehr da und ich ließ mich breitschlagen und wieder traf ich auf einen jungen Mann.
„Wenn wir zusammen wären und dein verstorbener Freund würde klingeln, was würdest du tun?“
Meine spontane Antwort gefiehl ihm nicht. Doch ich konnte nicht anders antworten, wenn ich zu mir und ihm fair sein wollte.
Ja, vielleicht hatte ich E. und unsere Beziehung idealisiert, bestimmt sogar.
Die Erinnerung spielt uns Streiche. Aber doch war er der Mann, mit dem ich mir alles hätte vorstellen können. Er war wunderbar und die gemeinsame Zeit war harmonisch.
Zu keinem Zeitpunkt kann man vorher sagen, was aus einer Beziehung wird.
Vielleicht wären wir heute getrennt. Dieses in die Zukunft spinnen, lindert aber doch die Trauer nicht. Er wurde aus einer funktionierenden Beziehung gerissen, ohne Abschied und ohne Chance ihm noch einmal die Dinge zu sagen, die ich ihm hätte mitgeben wollen.

Auf dem Rückweg vom Friedhof besuchte ich Uli, den Motorradhändler, bei dem E. immer seine Motorräder kaufte.
Dort entdeckte ich das gleiche Modell, das E. bei seinem Unfall fuhr.
Ich strich nachdenklich darüber. Überlegte, wie ich in Zukunft mit dem Motorradfahren umgehen könnte. Würde ich mich noch mal darauf setzen? Es wieder genießen können?
Würde ich nochmal mit einem Motorradfahrer zusammensein können?
Könnte ich mit dem Risiko leben, dass sich die Geschichte wiederholt?
„Das ist E.s Motorrad, die Familie hat es zu mir bringen lassen,“ grätschte Uli in meine Gedanken.
Ich riss die Hand zurück. Schmerz und Wut brandeten hoch.
„Wieso bist du hier, repariert und schön anzusehen und E. ist weg? Tot. Für immer.
Du müsstest auch Schrott sein, du dämliches Stück Blech.
E. war so stolz auf dich, war so glücklich.“
Ich beruhigte mich wieder.
„Bring nicht noch jemanden um, du Schönheit!“

Wann hört das endlich auf?

Irgendwann war ich dann doch in der Lage, eine neue Beziehung zu beginnen.
Zögerlich und ich denke, mein Verhalten war immer noch weit ab von der Norm.
Der Schmerz blieb der gleiche kalte Brocken in der Mitte meines Leibes, doch das Leben drumherum wurde wieder größer und weiter.
Ich bekam meine Kinder, versuchte mich auf die Ehe einzulassen und doch hielt es nicht.
Zwölf Jahre, in denen ich den Spagat zwischen meinem Mann und der übrigen Trauer versuchte.
Er war und konnte nicht einfühlsam sein, er verstand nicht und ich fand keinen gangbaren Weg.
Wieviel Schuld die Trauer an der Trennung hatte, weiß ich nicht und werde es auch nie erfahren.
Wie wäre es ohne die Belastung gewesen? Ich habe keine Ahnung.

Jedes Jahr besuchte ich E.s Grab. Die Zeit und der Fortschritt in der Trauerbewältigung hatte mich gelehrt, mit der Erinnerung zu leben. Mit dem Verlust. Mit der Endlichkeit.
E. hatte nun seinen eigenen Platz in meinem Leben gefunden, nicht mehr im Vordergrund, nicht mehr als täglicher Alptraum.
Es ist meine Erinnerung an die gemeinsame Zeit, die Erinnerung an einen Toten und an die schlimmste Leidenszeit meines Lebens.
In mein Tagebuch schrieb ich:

Du darfst tot sein, mein Liebling. Ich halte dich nicht mehr fest.
Ich habe gelernt, alleine zu laufen.
Dein Bild steht auf meinem Regal, kaum ein Tag vergeht ohne dich.
Es schmerzt noch, aber ich kann leben.
Ich sehe die Welt für dich, lebe zu Ende für dich.
Eines Tages berichte ich dir:
Wie es ist, Kinder und Familie zu haben.
Wie es ist, älter zu werden.
Wie es ist, ein Leben im Ganzen zu leben.
Ich erzähle den Kinder von dir, sie kennen dein Bild.
Heldensagen, du wunderbarer Mann.
Du wirst nicht vergessen sein.
Machs gut bis dahin,
du wirst stolz auf mich sein.

Der jährliche Besuch auf dem Friedhof stand an.
Die Stecke war weit und ich freute mich darauf.
Mit Blumen und einer Menge neuer Geschichten war ich unterwegs.

Ich betrat den Friedhof und bog in den Weg ein, der zu seinem Grab führte.
Schon aus einiger Entfernung entdeckte ich, dass der Grabstein nicht mehr auszumachen war.
Über zwanzig Jahre waren vergangen, ja, die Liegezeit war vorbei.
Da stand ich nun vor dem aufgelösten Grab und legte ein letztes Mal dort Blumen ab.
Mein Innerstes bebte und zog sich zusammen.
Ist das nun das Ende?
Wo ist in Zukunft der Platz, an dem ich ihm begegnen kann?
Nun war auf dieser Welt kein sichtbares Zeichen mehr von ihm, kein Beweis seiner Existenz.
Die Autobahn schwamm im Tränenschleier.
Noch ein Abschied, wieder ein Schritt.
Doch in mir bleibt der nun geschätzte kleine Schmerz,
der mir bezeugt, dass es ihn gab.


©heike arndt



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